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Wer zum ersten Mal eine Tamiya RC-Karosserie auspackt, ist irritiert: milchig-transparent, butterweich, außen fast fettig glatt. Kein Weiß, kein Grau, keine Grundierung. Und auf der Dose steht PS – nur für Polycarbonat. Was auf den ersten Blick kompliziert wirkt, ist in Wahrheit Geniestreich: Tamiya hat ein eigenes Lacksystem entwickelt, das auf flexiblem Lexan hält, wo jeder normale Modelllack abplatzen würde.
Dieser Artikel erklärt die Technik dahinter – was PS chemisch anders macht als TS, X/XF und Acryl, warum von innen lackiert wird, wie Schichten, Backing und Maskieren zusammenspielen – und wie du mit einer Dose PS-12 Silber und dem richtigen Abklebeband ein Ergebnis bekommst, das aussieht wie vom Profi-Lackierer. Stand: 24.09.2026.
Im Regal bei Kitwerk stehen die Dosen dicht an dicht. Sie sehen gleich aus, sind aber für völlig unterschiedliche Kunststoffe gemacht. Wer das einmal versteht, macht nie wieder den 35-Euro-Fehler – abgeplatzte Karo nach dem ersten Abflug.
| System | Für | Eigenschaft | Typische Anwendung |
|---|---|---|---|
| PS 100 ml Spray | Polycarbonat / Lexan | flexibel, haftstark, wird von innen gespritzt | RC-Karosserien 1/10, Truck-Kabinen 1/14, Buggys |
| TS Spray 100 ml | Polystyrol (Hartplastik) | hart, deckend, glatt | Standmodellbau 1/24, 1/35, 1/48 |
| X / XF 23 ml Glas | Polystyrol | Pinsel + Airbrush, glänzend / matt | Details, Figuren, Tarnung |
| AS Spray | Polystyrol | exakte Farbtöne für Flugzeuge | Aircraft 1/32, 1/48, 1/72 |
Merksatz aus der Werkstatt: PS biegt sich mit – TS bricht mit. Ein TS-Lack auf Lexan sieht zwei Runden gut aus und blättert dann großflächig. Umgekehrt haftet PS auf Hartplastik schlecht und bleibt zu weich. Deshalb: Lexan = immer PS, alles andere = TS, X/XF oder AS.
Eine RC-Karo arbeitet. Beim TT-02 oder DT-03 verwindet sich die Wanne, beim Crash staucht sich die Front um Zentimeter. Tamiya PS enthält deshalb elastische Binde- und Haftvermittler, die sich mit der Polycarbonat-Oberfläche verbinden und Dehnung mitmachen. Der Farbton liegt nach dem Trocknen als geschlossener, leicht dehnbarer Film an – vergleichbar mit Folie statt Eierschale. Genau deshalb darfst du PS auch nicht mit Klarlack versiegeln: Der würde hart werden und beim ersten Einschlag spinnennetzartig reißen, während der PS-Film darunter intakt bliebe.
Bei Standmodellen wie dem Castrol Toyota Tom’s Supra GT 1:24 oder dem Nismo Skyline GT-R Z-Tune R34 lackierst du von außen und polierst danach. Bei Lexan ist es umgekehrt – und das aus drei guten Gründen:
Die Kehrseite: Du siehst das Endergebnis erst am Schluss. Metallic wirkt von innen zunächst milchig und dunkel – erst mit Backing und Tageslicht von außen kommt die Tiefe. Und: Jeder Fehler ist endgültig. Von innen kannst du nicht anschleifen. Deshalb gilt: lieber einen Gang mehr nebeln als einen zu viel.
Silber ist bei Tamiya kein „Notfall-Silber“, sondern Systemfarbe. PS-12 enthält feine Aluminiumpigmente in flexiblem Binder. Es deckt schnell, verzeiht dünne Gänge und reflektiert Licht zurück durch darüberliegende Farben.
Profis nutzen PS-12 in zwei Rollen:
Faustregel aus dem Kitwerk-Test: Helle Farben mit Weiß hinterlegen, dunkle und Metallic mit Silber. Weiß macht Brillantblau heller und frischer, Silber macht es tiefer und edler. Für die beliebte Supra- und Skyline-Optik auf RC-Karos ist Silber fast immer die bessere Wahl.
Schneide mit Lexan-Schere oder Cuttermesser entlang der Schnittlinie, bohre Karo-Löcher mit Reamer. Entgrate mit Schleifschwamm. Die äußere Schutzfolie bleibt bis ganz zum Schluss drauf – sie ist dein Staubschutz.
Warmwasser + Spüli, innen gründlich mit weichem Schwamm auswaschen, klar spülen, mit fusselfreiem Tuch und Druckluft trocknen. Finger danach nur noch mit Handschuhen. Silikon- und Fettreste sind Ursache Nr. 1 für Fischaugen und Abplatzer.
Fenster sind bei Tamiya meist als Folie oder vorgeschnittene Masken beigelegt – zusätzlich mit Tamiya Masking Tape sichern. Für Zierlinien, Fensterrahmen und zweifarbige Designs gilt:
Tipp: Tape immer von der Mitte nach außen andrücken, Kanten mit Fingernagel oder Zahnstocher festreiben. Ein Hauch PS – erster Gang nur genebelt – versiegelt die Kante, erst danach deckend spritzen. So gibt es keine Unterläufer.
Dose 2 Minuten schütteln, 1 Minute in 30 °C warmem Wasser anwärmen. Abstand 25–30 cm, Karo aufrecht oder leicht geneigt. Erster Gang: nur Nebel, 50 % Deckung. 10–15 Minuten lüften lassen. Dann 2–3 weitere dünne Gänge im Kreuzgang. Nie auf Hochglanz in einem Gang spritzen – das gibt Läufer und Lösemittel-Einschlüsse, die Lexan milchig machen.
Wenn die Hauptfarbe matt-trocken, aber noch nicht durchgehärtet ist (nach ca. 30–60 Minuten), 1–2 Gänge PS-12 Silber oder Weiß als Rückseite. Das schließt Poren, erhöht Deckkraft und schützt vor Durchscheinen der Elektronik.
Mindestens 24 Stunden bei 18–22 °C und trocken lüften. Früheres Zusammenbauen drückt Schraubenköpfe und Klett in den noch weichen Film. Wer es eilig hat: Karo auf Küchenpapier, nicht auf Heizung – Hitze über 40 °C verzieht Lexan.
Erst jetzt Außenfolie abziehen, Dekorbogen aufbringen, Karo ausschneiden und auf Chassis setzen. Schnittkanten mit schwarzem Edding oder dünn PS tupfen – das verhindert Ausfransen.
1. „Mein Metallic sieht fleckig aus.“ Zu dick auf einmal, zu kalt, zu nah. Lösung: Dose anwärmen, weiter weg, dünner nebeln. Silber immer mit Backing in gleicher Richtung spritzen – Kreuzgang nur bei den ersten Gängen.
2. „Farbe blättert an den Kanten ab.“ Nicht entfettet oder TS statt PS verwendet. Lexan braucht PS und fettfreien Untergrund. Kanten zusätzlich 1 mm überlappend lackieren, nicht exakt an der Schnittkante enden.
3. „Unter dem Tape läuft Farbe durch.“ Tape nicht fest genug angedrückt oder erster Gang zu nass. Ersten Gang immer nur anhauchen, Kante vorher mit Zahnstocher nachfahren.
4. „Karo ist von außen milchig.“ Lösemittel hat Kondenswasser eingeschlossen – zu kalt oder zu feucht lackiert. Bei unter 15 °C und über 65 % Luftfeuchte nicht sprühen. Im Zweifel im Bad nach dem Duschen? Nein – im trockenen, staubarmen Keller.
5. „Aufkleber halten nicht.“ Außenfolie zu früh abgezogen und Staub auf der Karo. Dekor nur auf saubere, trockene Außenhaut, mit Spüliwasser positionieren, dann festrakeln.
PS lohnt sich für alle, die fahren: TT-02, DT-03, Lunch Box, 1/14 Trucks. Dort schlägt kein Pinsel das System aus Flexibilität + Schutz durch Lexan. Wer dagegen Standmodelle baut – etwa Tiger I E 1:35, Yamaha XV1000 Virago 1:12 oder Italeri-Flieger wie die SR-71 Blackbird 1:72 – bleibt bei TS-Spray und X/XF-Gläsern für Pinsel und Airbrush. Dort zählt Härte und Mattierung, nicht Dehnung.
Kurz gesagt: RC-Karo = PS von innen. Standmodell = TS/X von außen. Wer beides im Regal hat, ist für 95 % aller Tamiya-Projekte gerüstet – eine Dose PS-12 Silber und zwei Breiten Masking Tape gehören in jede Grundausstattung.
Tamiya PS ist kein Marketing-Aufkleber, sondern echte Materialtechnik: elastischer Film, Lackschutz durch die Karo selbst, Tiefenglanz ohne Klarlack. Wer entfettet, dünn schichtet und von dunkel nach hell mit Silber-Backing arbeitet, bekommt beim ersten Versuch eine Karo, die nach drei Saisons noch gut aussieht.
Starte mit dem Einfachsten, das am meisten bringt: eine Dose Silber, sauberes Abkleben, Geduld beim Trocknen. Der Rest ist Übung – und die macht mit dem richtigen Material richtig Spaß.
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